Pflanzendialoge 2006

Pflanzendialoge ist eine Ausstellungsreihe, in der die Pflanze als zentraler Protagonist auftritt. Die individuellen Positionen der Künstler sind dabei sehr vielfältig. Medienkunst, Zeichnung, Malerei, Skulptur sind vertreten, ebenso wissenschaftliche und konzeptionelle Ansätze. Diese Vielfalt drückt sich auch in den Ausstellungsorten aus: Der institutionelle "White Cube" steht den Arbeiten im öffentlichen Raum - und in der Natur - gegenüber.



Katalog
Pflanzendialoge ISBN 3-8334-6744-4
Herausgeber: Harald Finke, Martin Kohler, Mathias Lintl.

Die Künstlergruppe FLANZER hat als Kernteam bereits 2006 eine Ausstellung Pflanzendialoge 2006 im Kunstverein Harburger Bahnhof und parallel in der Pflanzenkapelle in Hamburg-Wilhelmsburg durchgeführt.

 

Christiane Bruckmann, Harald Finke, Claudia Hoffmann, Martin Kohler, Erke Kurmies, Elisabeth Richnow, Martina Ring, Wanja Schaub, Eva-Maria Schön, Llaura Sünner, Claudia Thorban, Pascal Unbehaun, Carl Vetter, Olaf Wegewitz, Rainer Wilcke, Insa Winkler

Die Besonderheit der Ausstellung „Pflanzendialoge“ lag in der Betonung des Themas Pflanzenkommunikation. Gestalt erhielt z.B. die künstlerische Kontaktaufnahme mit dem Pflanzenreich unterstützt durch technische Anordnungen. Andere Positionen befassten sich mit Grundstrukturen der Pflanzenmorphologie oder ökologisch botanischen Zusammenhängen. Sinnliche Erfahrung und wissenschaftliche Zusammenhänge wurden gleichermaßen vermittelt.


Siehe auch Bericht „Pflanzendialoge“ im Kunstforum international Bd.182, S.304/305, Okt.-Nov.2006

 

Kunstverein Harburger Bahnhof + Pflanzenkapelle

Olaf Wegewitz 
 

Claudia Thorban 
 

Rainer Wilcke 
 

Pascal Unbehaun 
 

Martin Kohler 
 

Eva-Maria Schön 
 

Christiane Bruckmann 
 

Claudia Hoffmann 
 

Harald Finke 
 

Llaura Sünner 
 

Carl Vetter 
 

Wanja Schaub 
 

Martina Ring 
 

Erke Kurmis 
 

Pflanzenkapelle 
 

„Pflanzendialoge“„oder reden Sie auch mit Ihrem Drachenbaum?“

Ulla Lohmann, Hamburg 2006

Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung am 28. Juli 2006
im Kunstverein Harburger Bahnhof


Dieser Titel, den die Künstler sich da für ihre Präsentation ausgedacht haben hat doch etwas sehr merkwürdiges. Ist nicht eigentlich unzweifelhaft klar, dass Pflanzen weder Verstand noch Sprachvermögen besitzen? Eine derartige Vorstellung von den kommunikativen Fähigkeiten dieser grünen Lebewesen scheint eine höchst abwegige Phantasie zu sein, naturwissenschaftlich völlig unhaltbar. Im Untertitel wird dann die scheinbare Absurdität noch weiter gedreht mit der Frage „oder reden Sie auch mit Ihrem Drachenbaum?“ Wer spricht denn schon mit seinen Pflanzen? Natürlich reagieren Pflanzen auf physikalische Reize. Aber was heißt hier Dialog. Ein Dialog, aus dem altgriechischen (dialégomai) sich unterhalten abgeleitet, stellt eine mündliche oder auch schriftliche Rede und Gegenrede zwischen zwei Personen dar. Wie wortgetreu oder wie metaphorisch ist der Titel also wohl gemeint? Diese Frage ist heute an die Kunst und an deren Produzenten zu stellen. Vielleicht ist es auch aufschlussreich zunächst den Blick auf das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld der Ausstellung zu lenken, bevor diese selbst in den Fokus rückt.

Im kulturellen Raum findet die Beschäftigung mit der Natur momentan wieder einmal großen Zuspruch. Symposien, Vortragsreihen, Filme, Veröffentlichungen und Ausstellungen drehen sich in verschiedenster Weise um die Thematik. Da gibt es in Hamburg zum vierten mal in diesem Sommer die künstlerische Entdeckungstour der „Hafensafari“. Da sind Ausstellungen mit Titeln wie „Rosen“ oder „Blumen für das Kaiserhaus“ im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Erneut findet in diesem Jahr die Vortragsreihe „Gärten und Politik“ statt. Am Tag des offenen Denkmals dreht sich am 10. September alles um „Historische Gärten und Parks“. Die Reihe solcher Veranstaltungen ließe sich für die Stadt und für viele andere Orte beliebig weiter und weiter fortsetzen.

Der Umgang mit der Natur ist stetigen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen unterworfen und findet auch in religiösen Riten und Haltungen seinen Niederschlag. Wohl zu den ältesten Naturbeschreibungen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zählt das Motiv des Paradieses als Gartendarstellung, ein fruchtbarer, umfriedeter, geschützter Raum. Im Christentum steht im Zentrum dieses Garten Eden eine Pflanze, der Apfelbaum, ein doppeldeutiges Symbol der Erkenntnis und des Sündenfalls. Immer und immer wieder war diese Ambivalenz Nährboden für intellektuelle Auseinandersetzung. Eine der berühmtesten stammt wohl von Goethe, als er Mephisto im Konflikt mit Faust sagen lässt: „Ihr werdet sein wie Gott und das Gute und Böse erkennen“.

Die moderne Industriegesellschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts hat sich der Natur als lukrative Quelle nahezu unerschöpflich scheinender Güter bedient. Erst mit der Ökologiebewegung der vergangenen 70iger Jahre wandelte sich das Bild von der „Ressource Natur“ hin zur „Natur als Schutzgut“. Aktuelle Erscheinungen von bisher unbekannten Naturphänomenen größten Ausmaßes, die sukzessiv oder spontan, aber immer mit der ganzen Gewalt eines nicht beherrschbaren Katastrophenpotenzials auftreten, zwingen erneut zum innehalten. Wie die Erfahrung lehrt, ist das Zeitalter der Hochtechnologie nicht imstande diese verheerenden Naturereignisse wirksam zu bewältigen. Wohin geht also die Reise?

Bleibt es bei Wellness und Gesundheit durch die „Kraft der Natur“ oder entwickelt sich eine symbiotische „Partnerschaft mit der Natur“ als unverzichtbare Überlebensstrategie der kommenden Zeit?

Kunst- und Kulturgeschichte sind ohne Bezug zur Natur nicht denkbar. Wie ein roter Faden spinnt sich die kreative Beschäftigung mit diesem Thema bis in die zeitgenössische Auseinandersetzung. Immer war die Natur Quelle der Inspiration. Grundlegend neue Impulse gaben im 19. Jahrhundert die rasante Entwicklung der Wissenschaft und die zu dieser Zeit sich erweiternde Zugänglichkeit der Kunst für Jedermann. Der englische Landschaftsgarten, der damals als eigenständiges Kunstwerk Akzeptanz fand, stand auch für eine veränderte Sichtweise der Natur und ein anderes Menschenbild. Ein erneuter Wandel vollzog sich dann in der jüngsten Vergangenheit, insbesondere seit den siebziger Jahren des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts, als die Kunst zu einem integralen Aspekt des gesellschaftlichen Lebens erklärt wurde.

Die Künstler des Impressionismus, bis hinein in die klassische Moderne, waren von den Fragen bewegt, die über die Natur hinaus verwiesen. Was gibt der Natur Dauer, was ist hinter der Natur ? Sie agierten vor dem Bewusstsein, dass das sichtbare Bild lediglich ein Produkt des Wissens und der Sehgewohnheiten abgibt und noch nichts über die Natur selbst aussagt. Insbesondere die Maler dieser Zeit waren an der inneren Gesetzmäßigkeit, der Prozesshaftigkeit, Grenzenlosigkeit und Schöpferkraft der Natur interessiert und an deren Bedeutsamkeit, die sie in ihren Werken zum Ausdruck bringen wollten. Paul Klee hat 1924 in einem Vortrag über die moderne Kunst mit Blick auf die Entdeckungen der Naturwissenschaften gesagt, dass unter der Hand der Maler “dann jene Kuriosa“ nämlich die wissenschaftlichen Bilder „zu Realitäten der Kunst“ werden, „welche das Leben etwas weiter machen, als es durchschnittlich scheint. Weil sie nicht nur Gesehenes mehr oder weniger temperamentvoll wiedergeben, sondern geheim Erschautes sichtbar machen“.

Die Künstler des Fluxus hingegen betrachteten die Kunst als Prozess, der dialogisch mit allen Bereichen der Gesellschaft geführt wird. Joseph Beuys, einer der Protagonisten der Bewegung hat 1982 auf der 7. documenta in Kassel mit seiner Aktion „7000 Eichen“ ein kommunikatives Konzept initiiert, das gleichermaßen zwischen belebter und unbelebter Natur vermittelt und das durch die jeweiligen Baumpatenschaften auch zwischen der Kunst und den Menschen immer noch Bestand hat.

Die Fluxusbewegung hat auf die zeitgenössische Kunst bis heute großen Einfluss mit nachhaltiger Wirkung genommen. Auch die aktuelle Ausstellung wäre ohne diese Entwicklung kaum denkbar. Die Künstler greifen das Dialogische, Prozesshafte, Forschende auf und rücken die Pflanze als zentrales Objekt in den Schnittpunkt einer interdisziplinären Aktion. Pflanzenkunst wird hier zwar als spezifische Kunstrichtung mit eigenständigen thematischen Absichten verankert, gleichzeitig aber durch die Arbeit verschiedener Akteure unterschiedlichster Professionen, die sich der Methoden der Forschung und der Kommunikation bedienen wieder geöffnet. Spezialistentum soll aufgehoben werden. Ziel ist, die Menschen unmittelbar zu erreichen, sie über das naturwissenschaftliche Verständnis hinaus mitzunehmen auf einen Kunstparcour, der einen partnerschaftlichen Dialog mit der Natur auf Augenhöhe aufzeigt.

Lassen wir uns also ein auf die „inneren Gärten“, die „vegetativen Stimmen“, das „Modell zur komplexen computergenerierten Organismenentwicklung“, die „Pflanzenschrift“, die „Seele der Pflanzen“ oder gehen sie den „sinnlichen Aspekten der Forschung“ nach. Reden Sie doch mal mit Ihrem Drachenbaum !